Freisetzung von Gentech-Mücken: Erbgut verbreitet sich unkontrolliert

19.09.2019 - Eigentlich hätte nichts passieren dürfen: Die britische Firma Oxitec hatte von 2013 bis 2015 in dem brasilianischen Städtchen Jacobina wöchentlich rund 450.000 männliche Moskitos freigelassen. Deren Gene waren so verändert worden, dass die Nachkommen der Insekten noch als Larven sterben sollten. Damit wollte Oxitec die Population der Tiere reduzieren, die Dengue- und Gelbfieber übertragen können. Gleichzeitig sei dadurch eine Übertragung des Erbguts in folgende Generationen ausgeschlossen, argumentierte Oxitec. Kritiker mahnten damals, dass - wie in Laborversuchen zuvor - einige Tiere überleben, sich paaren und damit ihr Erbgut weitergeben könnten. Das passierte tatsächlich, wie nun Wissenschaftler der Universität Yale zusammen mit brasilianischen Kollegen nachwiesen. Sie fanden in dem Freisetzungsgebiet in 10 bis 60 Prozent der Moskitos Erbgut der freigesetzten Gentech-Tiere. Es ließ sich sogar in Mückenpopulationen jenseits der Freisetzungsgebiete nachweisen.

Es sei unklar, wie diese Erbgutveränderungen den Prozess der Krankheitsübertragung beeinflussen und sich auf die Versuche, diese zu kontrollieren auswirken, schrieben die Wissenschaftler aus Yale. Sie wiesen darauf hin, dass die gentechnisch veränderten Mücken ursprünglich aus Kuba stammten und in Mexiko vermehrt wurden. Das Erbgut der Mücken in Jacobina sei nun ein Mix aus den Genen der ursprünglich ansässigen Moskitos sowie den Genen der Tiere aus Kuba und Mexico. Es sei wahrscheinlich, dass die Population deshalb robuster sei als früher. „Diese Ergebnisse zeigen, wie wichtig ein Überwachungsprogramm bei der Aussetzung gentechnisch veränderter Organismen ist, um nicht erwartete Folgen festzustellen“, lautete die Bilanz von Studienleiter Jeffrey Powell. Das Monitoring zeigte auch, dass der Versuch, die Moskitos zu dezimieren, fehlschlug. Zwar ging die Zahl der Mücken zuerst wie erwartet zurück. Doch 18 Monate nach Beginn der Freisetzungen erholte sich die Population wieder und erreichte zum Ende hin die alte Stärke.

Christoph Then von Testbiotech richtete heftige Vorfwürfe an Oxitech. Das Unternehmen habe die patentierten Mücken freigesetzt, obwohl bereits bekannt gewesen sei, dass manche der Tiere in der Umwelt überleben könnten. „Offensichtlich waren die Erwartungen der Investoren wichtiger als der Schutz von Mensch und Umwelt“, sagte Then. Er verwies darauf, das zahlreiche Forschungseinrichtungen Versuche planen, bei denen verändertes Erbgut in die freie Wildbahn entlassen werden soll. Ein Beispiel dafür ist Target Malaria. Für das von der Gates Foundation unterstützte Forschungsprojekt setzten Wissenschaftler vor wenigen Monaten erstmals gentechnisch veränderte Mücken im westafrikanischen Burkina Faso frei. Die Männchen sollen steril sein und so ihr geändertes Erbgut nicht weitergeben können...

Evans, Powell et.al.:Transgenic Aedes aegypti Mosquitoes Transfer Genes into a Natural Population (10.09.2019)
University of Yale: Transgenic mosquitoes pass on genes to native species  (10.09.2019)
Testbiotech: Gentechnik-Mücken außer Kontrolle (11.09.2019)