Agrar-Produktionsweisen: Knackpunkt ist die Koexistenz

27.04.2020 - In den EU-Staaten und den meisten anderen Ländern sieht die offizielle Politik ein Nebeneinander der verschiedenen landwirtschaftlichen Produktionsweisen vor: Die Bauern sollten frei wählen können, ob sie konventionell, mit gentechnisch veränderten Organismen oder biologisch wirtschaften wollen. Und die Verbraucher sollten frei wählen können, welche dieser Produkte sie sie kaufen oder nicht kaufen wollen.

„Die unbequeme Wahrheit ist jedoch, dass es seit weit über einem Jahrzehnt keine sinnvollen Diskussionen, geschweige denn tragfähige Politiken gegeben hat, die sich damit befassen, wie die Koexistenz von zum Teil radikal unterschiedlichen Ansätzen der Nahrungsmittelproduktion tatsächlich gerecht, transparent und nachhaltig erreicht werden kann.“ So steht es in einem Bericht der britischen Organisation Beyond GM. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, Gesprächsräume für breit angelegte Debatten über Agro-Gentechnik zu schaffen. ‚A Bigger Conversation’ heißt diese Reihe, in der nun die Auswertung eines umfassenden Austauschs über Pflanzenzüchtung vorliegt, zu dem sich Gentechniker, Bio-Züchter und Saatgutunternehmen in Brüssel getroffen hatten.

Dabei war die Koexistenz ein beherrschendes Thema, denn sie beginnt mit der Züchtung. Bio-Züchter machten deutlich, dass mangelnde Regulierung und Transparenz bei den durch neue Gentechnik entwickelten Kulturpflanzen den Ökolandbau und damit auch ihre ökonomische Existenz beeinträchtigen könnten. Doch auch konventionelle Züchter wiesen auf das Problem hin, dass sie bald nicht mehr wissen könnten, bei welchen Zuchtlinien neue gentechnische Verfahren eingesetzt wurden. Noch größer würde dieses Nichtwissen später bei der Sortenberatung im Anbau.

Dennoch gab es bei der Frage, wie Transparenz, Rückverfolgbarkeit und damit eine Koexistenz von Anfang an gesichert werden könnten, den bekannten Dissens. Über die Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs zu den neuen gentechnischen Verfahren sei es bei diesem ansonsten sachlichen und ruhigen Treffen „zu einer offenen Auseinandersetzung“ gekommen, heißt es im Bericht von Beyond GM. Die Organisation will sich in einem nächsten Schritt damit befassen, wie eine gleichberechtigte Koexistenz aussehen könnte und wie sie praktisch und politisch umgesetzt werden sollte.

A Bigger Conversation: The uncomfortable truth about GMOs and co-existence (20.03.2020)

A Bigger Conversation: The Boundaries of Plant Breeding (März 2020)